Adrenogenitales Syndrom – Einleitung

Das adrenogenitale Syndrom (AGS) ist eine Gruppe von angeborenen Stoffwechselerkrankungen, bei denen die Synthese der Steroidhormone Cortisol und Aldosteron in der Nebennierenrinde gestört ist. Diese Störung führt zu einer Überproduktion von Androgenen (männliche Geschlechtshormone), die bei Mädchen zu einer Virilisierung (Vermännlichung) und bei Jungen zu einer vorzeitigen Geschlechtsentwicklung führen kann. Der zugrunde liegende Mechanismus ist meist ein Enzymdefekt, wobei am häufigsten das Enzym 21-Hydroxylase betroffen ist. Das AGS wird autosomal-rezessiv vererbt.

Synonyme und ICD-10: adrenogenitales Salzverlustsyndrom; adrenogenitales Syndrom; adrenogenitale Störung; Debré-Fibiger-Syndrom; genitoadrenales Syndrom; genitosuprarenales Syndrom; engl.: Congenital adrenal hyperplasia; (CAH); ICD-10-GM E25.9: Adrenogenitale Störung, nicht näher bezeichnet

Charakteristische Laborbefunde

  • Erhöhtes 17-Hydroxyprogesteron (17-OHP)
    • Bei einem 21-Hydroxylase-Mangel ist 17-OHP stark erhöht. Dies ist der empfindlichste und spezifischste Marker für AGS und wird oft als Screening-Test verwendet.
  • Erhöhte Androgenspiegel
    • Testosteron: Erhöhte Werte bei weiblichen Patienten führen zu Virilisierungssymptomen (Vermännlichung).
    • Androstendion: Ebenfalls häufig erhöht und trägt zur Virilisierung bei.
  • Niedriges Cortisol
    • Verminderte Cortisolspiegel sind typisch, da der Defekt in der Cortisolbiosynthese liegt. Dies führt zur fehlenden negativen Rückkopplung auf die Hypophyse und zur Überproduktion von ACTH.
  • Erhöhtes ACTH (adrenocorticotropes Hormon)
    • Als Reaktion auf die unzureichende Cortisolproduktion ist das ACTH erhöht, was zu einer Stimulation und Vergrößerung der Nebennierenrinde führt.
  • Elektrolytstörungen
    • Hyponatriämie (niedriges Natrium): Häufig bei Salzverlustsyndrom, das bei schwerem 21-Hydroxylase-Mangel auftritt.
    • Hyperkaliämie (erhöhtes Kalium): Ebenfalls typisch für das Salzverlustsyndrom aufgrund des Mangels an Aldosteron.
    • Hypoglykämie: Durch unzureichende Glukokortikoidproduktion kann es zu niedrigem Blutzucker kommen.
  • Plasmareninaktivität (PRA)
    • Erhöht bei AGS mit Salzverlust aufgrund des kompensatorischen Anstiegs der Reninsekretion infolge des Aldosteronmangels.
  • Niedriges Aldosteron
    • Bei Formen von AGS, die mit einem Salzverlustsyndrom einhergehen, ist die Aldosteronproduktion beeinträchtigt.

Diese Laborbefunde sind entscheidend für die Diagnose und das Management von AGS. Ein Neugeborenen-Screening auf 17-OHP wird in vielen Ländern routinemäßig durchgeführt, um eine frühzeitige Diagnose und Therapie zu ermöglichen.

Formen der Erkrankung

Das adrenogenitale Syndrom wird in verschiedene Formen unterteilt, abhängig von der Ausprägung der Symptome und dem Zeitpunkt ihres Auftretens:

  • Klassisches adrenogenitales Syndrom
    • Mit Salzverlust ("salt-wasting"-AGS): Symptome treten bereits bei Neugeborenen auf, begleitet von einer lebensbedrohlichen Salzverlustkrise aufgrund eines Aldosteronmangels.
    • Ohne Salzverlust ("simple virilizer"-AGS): Symptome treten ebenfalls früh auf, jedoch ohne Salzverlustkrise. Es kommt zu einer ausgeprägten Virilisierung (Vermännlichung).
  • Nicht-klassisches adrenogenitales Syndrom
    • "Late-onset"-AGS: Symptome treten erst in der Pubertät oder im Erwachsenenalter auf, oft als milde Form mit Anzeichen wie Akne oder Hirsutismus (vermehrte Körperbehaarung).
    • "Cryptic"-AGS: Minimalform des AGS, bei der keine offensichtlichen Symptome vorliegen, aber ein charakteristisches Hormonprofil festgestellt wird.
  • Erworbenes AGS
    • Ursache: Kann durch androgenbildende Tumoren der Nebennierenrinde oder der Keimdrüsen verursacht werden.

Ursachen

Das adrenogenitale Syndrom wird meistens durch einen genetischen Defekt verursacht, der die Funktion des Enzyms 21-Hydroxylase beeinträchtigt. Dieses Enzym ist entscheidend für die Produktion von Cortisol und Aldosteron. Der Mangel an diesen Hormonen führt zu einer kompensatorischen Überstimulation der Nebennierenrinde und einer vermehrten Produktion von Androgenen. In seltenen Fällen kann das AGS auch durch andere Enzymdefekte verursacht werden.

Epidemiologie

Geschlechterverhältnis: Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen, allerdings manifestieren sich die Symptome oft unterschiedlich je nach Geschlecht.

Häufigkeitsgipfel:
Symptome des klassischen AGS treten meistens kurz nach der Geburt auf, während das nicht-klassische AGS häufig erst in der Pubertät oder im Erwachsenenalter auffällt.

Prävalenz
(Krankheitshäufigkeit): Das klassische AGS tritt bei 1 von 5.000 bis 15.000 Neugeborenen auf. Die Prävalenz des nicht-klassischen AGS wird auf etwa 1 von 1.000 geschätzt.

Verlauf und Prognose

Verlauf

  • Klassisches AGS: Der Verlauf hängt von der Schwere des Enzymdefekts ab. Ohne Behandlung kann es bereits im Neugeborenenalter zu lebensbedrohlichen Krisen aufgrund von Salzverlust kommen. Mit frühzeitiger Diagnose und adäquater Hormonersatztherapie können die meisten Symptome gut kontrolliert werden.
  • Nicht-klassisches AGS: Der Verlauf ist meistens milder, und die Symptome können sich im Laufe des Lebens verändern. Viele Betroffene benötigen nur eine minimal-invasive Therapie oder gar keine.

Prognose

  • Klassisches AGS: Mit einer gut eingestellten Hormonsubstitutionstherapie ist die Prognose in der Regel gut. Die Patienten können ein weitgehend normales Leben führen und haben eine normale Lebenserwartung.
  • Nicht-klassisches AGS: Die Prognose ist ebenfalls günstig, wobei die Therapiebedürftigkeit individuell sehr unterschiedlich sein kann. Die Vermeidung von Addison-Krisen (akute Nebenniereninsuffizienz/Nebennierenschwäche) und die Erhaltung der Fertilität (Fruchtbarkeit) sowie einer befriedigenden Sexualfunktion stehen im Vordergrund der Langzeitbehandlung.

Leitlinien

  1. Leitlinie: Adrenogenitales Syndrom. Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie
  2. S1-Leitlinie: Adrenogenitales Syndrom mit 21-Hydroxylase-Defekt (AGS), Pränatale Therapie. (AWMF-Registernummer: 174 - 013), Juli 2015 Langfassung
  3. S1-Leitlinie: Adrenogenitales Syndrom (AGS) im Kindes- und Jugendalter. (AWMF-Registernummer: 174 - 003), Oktober 2021 Langfassung