Hormonersatztherapie

Hormonersatztherapie (HRT) bei klimakterischen Beschwerden

Die Hormonersatztherapie (HRT) ist eine anerkannte und wirksame Therapieform zur Behandlung von Beschwerden in der Menopause (Wechseljahre). Die Behandlung umfasst die Verabreichung von Östrogenen und Gestagenen (bei Patientinnen mit Uterus/Gebärmutter) oder von Östrogenen allein (bei hysterektomierten Patientinnen/ohne Gebärmutter). Ziel ist die Linderung klimakterischer Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, vaginale Atrophie und eine Verbesserung der Knochengesundheit.

Wissenschaftliche Grundlagen und Studienlage

Die nachfolgend dargestellten Ergebnisse bekannter Studien unterstreichen die Notwendigkeit einer individuellen Risiko-Nutzen-Analyse durch den behandelnden Arzt gemeinsam mit der Patientin.

Women’s Health Initiative (WHI)

Die Women’s Health Initiative (WHI)-Studie untersuchte die Auswirkungen einer langfristigen Hormonersatztherapie bei postmenopausalen Frauen. Die Ergebnisse wurden am 17. Juli 2002 im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht. Die Studie musste aufgrund einer signifikanten Erhöhung bestimmter Krankheitsrisiken vorzeitig abgebrochen werden:

  • Erhöhtes Risiko für Mammakarzinom (Brustkrebs)
  • Erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheit (KHK) (Erkrankung der Herzkranzgefäße)
  • Erhöhtes Risiko für Apoplex (Schlaganfall)
  • Erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien (Thrombosen und Lungenembolien)

Diese Ergebnisse führten zu einer kritischen Neubewertung der HRT und zu einer deutlichen Einschränkung der allgemeinen Therapieempfehlungen [1].

One Million Women Study

Die britische One Million Women Study bestätigte die Ergebnisse der WHI-Studie hinsichtlich des erhöhten Brustkrebsrisikos. Laut einer Auswertung im Lancet war das Erkrankungs- und Sterberisiko durch Brustkrebs in der HRT-Gruppe sogar noch höher als in der WHI-Studie [2].

Positive Effekte auf die Knochengesundheit und das Diabetesrisiko

Die WHI- und die One Million Women Study zeigten jedoch auch positive Effekte der HRT:

  • Reduktion des Risikos für Schenkelhalsfrakturen – In der HRT-Gruppe traten 10 Frakturen auf, verglichen mit 15 Frakturen in der Kontrollgruppe.
  • Geringeres Risiko für die Entwicklung eines Kolonkarzinoms (Darmkrebs).
  • Verbesserung der Knochendichte und Senkung des Risikos für Osteoporose-bedingte Frakturen.
  • Senkung des Risikos für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes.

U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF)

Die U.S. Preventive Services Task Force veröffentlichte 2005 eine umfassende Bewertung der HRT. Die positiven Effekte auf die Knochengesundheit und das Darmkrebsrisiko wurden bestätigt. Dennoch wurde betont, dass die Risiken für:

  • Mammakarzinom (Brustkrebs)
  • Venöse Thromboembolien
  • Apoplex (Schlaganfall)
  • Cholezystitis (Gallenblasenentzündung)
  • Demenz
  • Koronare Herzkrankheit (KHK)

die potenziellen Vorteile überwiegen können, insbesondere bei langfristiger Therapie [3].

Individualisierte Hormonersatztherapie

Publikationen in renommierten Fachzeitschriften wie Science betonen die Bedeutung einer individualisierten HRT. Insbesondere in der frühen Menopause (vor dem 45. Lebensjahr), z. B. aufgrund einer beidseitigen Ovarektomie (Eierstockentfernung), kann die HRT von Vorteil sein [4].

Die European Menopause and Andropause Society (EMAS) hat diese Erkenntnisse in ihren Leitlinien bestätigt. Eine HRT wird insbesondere bei:

  • Vorzeitiger Menopause
  • Starken klimakterischen Beschwerden
  • Erhöhtem Osteoporoserisiko (Knochenschwund)

als sinnvoll angesehen [5].

Revidierte Bewertung der WHI-Studie

Die Autoren der WHI-Studie haben die Aussagekraft ihrer eigenen Ergebnisse im New England Journal of Medicine später korrigiert:

  • Bei Frauen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren zeigte die HRT eine Reduktion der Sterblichkeitsrate.
  • Eine deutliche Besserung der Lebensqualität durch die Linderung klimakterischer Beschwerden wurde festgestellt [6].

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Die HRT ist insbesondere bei folgenden Indikationen sinnvoll:

  • Starke klimakterische Beschwerden (z. B. Hitzewallungen, Schlafstörungen, vaginale Atrophie)
  • Vorzeitige Menopause (z. B. nach Ovarektomie/Eierstockentfernung)
  • Erhöhtes Osteoporoserisiko
  • Vorhandene Osteopenie (Vorstufe der Osteoporose)

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Die HRT sollte nicht angewendet werden bei:

  • Bestehendem Brustkrebs
  • Aktiven thromboembolischen Erkrankungen (z. B. Lungenembolie)
  • Schweren Lebererkrankungen
  • Ungeklärten vaginalen Blutungen (Scheidenblutungen)
  • Endometriumkarzinom (Gebärmutterkrebs)

Empfehlungen zur Durchführung

  • Die HRT sollte in der niedrigsten effektiven Dosis und nur so lange wie notwendig durchgeführt werden.
  • Eine regelmäßige individuelle Risiko-Nutzen-Analyse durch den behandelnden Arzt ist erforderlich.
  • Bei Frauen mit Uterus sollte stets eine Kombination aus Östrogen und Gestagen eingesetzt werden, um das Risiko eines Endometriumkarzinoms zu minimieren.

Fazit

Die Hormonersatztherapie ist eine wirksame und anerkannte Therapie klimakterischer Beschwerden. Die Entscheidung für oder gegen eine HRT muss individuell und unter Berücksichtigung der jeweiligen Risikofaktoren erfolgen. Eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung ist insbesondere bei Langzeittherapie unerlässlich.

Literatur

  1. Rossouw JE, Anderson GL, Prentice RL, LaCroix AZ, Kooperberg C, Stefanick ML, Jackson RD, Beresford SA, Howard BV, Johnson KC, Kotchen JM, Ockene J, Writing Group for the Womeńs Health Initiative Investigators: Risks and benefits of estrogen plus progestin in healthy postmenopausal women: principal results From the Womeńs Health Initiative randomized controlled trial. JAMA. 2002 Jul 17;288(3):321-33
  2. Beral V, Million Women Study Collaborators: Breast cancer and hormone-replacement therapy in the Million Women Study. Lancet. 2003 Aug 9;362(9382):419-27. Erratum in: Lancet. 2003 Oct 4;362(9390):1160
  3. U.S. Preventive Services Task Force: Hormone therapy for the prevention of chronic conditions in postmenopausal women: Recommendations from the U.S. Preventive Services Task Force. Ann Intern Med 2005 May 17; 142:855-60
  4. Turgeon JL, McDonnell DP, Martin KA, Wise PM: Hormone therapy: physiological complexity belies therapeutic simplicity. Science. 2004 May 28;304(5675):1269-73. Review.
  5. Lokkegaard E, Jovanovic Z, Heitmann BL, Keiding N, Ottesen B, Pedersen AT: The association between early menopause and risk of ischaemic heart disease: Influence of Hormone Therapy. Maturitas. 2006 Jan 20;53(2):226-33. Epub 2005 Jun 13
  6. Skouby SO, Al-Azzawi F, Barlow D, Calaf-Alsina Erdogan Ertungealp J, Gompel A, Graziottin A, Hudita D, Pines A, Rozenberg S, Samsioe G, Stevenson JC, European Menopause and Andropause Society: Climacteric medicine: European Menopause and Andropause Society (EMAS) 2004/2005 position statements on peri- and postmenopausal hormone replacement therapy. Maturitas. 2005 May 16;51(1):8-14.
  7. Manson JE et al.: Menopause Management – Getting Clinical Care Back on Track. N Engl J Med 2016; 374:803-806March 3, 2016 doi: 10.1056/NEJMp1514242
  8. Aktueller Stand s. u. Menopause/Medikamentöse Therapie