Schilddrüsenkrebs (Schilddrüsenkarzinom) – Einleitung

Das Schilddrüsenkarzinom, umgangssprachlich als Schilddrüsenkrebs bezeichnet, ist eine bösartige Neubildung (maligne Neoplasie) der Schilddrüse. Es umfasst verschiedene histologische (feingewebliche) Subtypen, die sich in ihrem biologischen Verhalten, der Prognose und den Therapiemöglichkeiten unterscheiden.

Synonyme und ICD-10: Adenokarzinom der Hürthle-Zellen; Adenokarzinom der Schilddrüse; anaplastisches Schilddrüsenkarzinom; Angiosarkom der Schilddrüse; bösartige Neubildung der Thyreoidea; bösartige Neubildung des Ductus thyreoglossus; bösartiger Hürthle-Zell-Tumor; bösartiger Kropf; C-Zell-Karzinom; follikuläres Karzinom der Schilddrüse; follikuläres Schilddrüsenkarzinom; Graham-Tumor; Hürthle-Zell-Karzinom; Langhans-Struma; Maligne Struma; medulläres Schilddrüsenkarzinom; medulläres Schilddrüsenkarzinom (C-Zell-Karzinom); nicht abgekapselter sklerosierender Tumor der Schilddrüse; papilläres Schilddrüsenkarzinom; parafollikuläres Karzinom; Schilddrüsenkrebs; undifferenziertes (anaplastisches) Schilddrüsenkarzinom; ICD-10-GM C73: Bösartige Neubildung der Schilddrüse

Das Schilddrüsenkarzinom ist die häufigste maligne Neoplasie des endokrinen (die Hormone betreffende) Systems.

Charakteristische Laborbefunde

  • TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon): Oftmals normal oder erhöht bei funktionellen Karzinomen.
  • Thyreoglobulin (Tg): Tumormarker, erhöht bei differenzierten Schilddrüsenkarzinomen.
  • Calcitonin: Erhöht bei medullärem Schilddrüsenkarzinom.
  • CEA (Carcinoembryonales Antigen): Kann bei medullärem Schilddrüsenkarzinom erhöht sein.

Formen des Schilddrüsenkarzinoms

  • Papilläres Schilddrüsenkarzinom (PTC): ca. 50-60 %, steigende Tendenz
  • Follikuläres Schilddrüsenkarzinom (FTC): 20-30 %
  • Medulläres Schilddrüsenkarzinom (MTC): sezerniert Calcitonin; ca. 2-5-10 %
  • Gering differenzierte Schilddrüsenkarzinome (PDTC)
  • Anaplastisches Schilddrüsenkarzinom (ATC): ca. 1-5 %
  • Seltene Formen: Maligne Lymphome (Krebserkrankungen des lymphatischen Systems/Lymphknoten, Mandeln oder Milz) oder Sarkome (bösartige Tumoren, die entweder vom Weichteilgewebe (z. B. Bindegewebe, Fettgewebe, Muskelgewebe) oder vom Knochen ausgehen)
  • Metastasen anderer Tumoren

Ursachen

  • Genetische Faktoren: Mutationen in den Genen RET, BRAF und RAS sind häufig.
  • Strahlenexposition: Eine der Hauptrisikofaktoren, insbesondere in der Kindheit.
  • Jodmangel: Kann zu Kropfbildung und möglicherweise zu Karzinomen führen.
  • Familiäre Vorbelastung: Vor allem beim medullären Schilddrüsenkarzinom.

Epidemiologie

Geschlechterverhältnis: Männer zu Frauen beträgt 1:3 (differenziertes Karzinom). Beim medullären und anaplastischen Schilddrüsenkarzinom ist das Verhältnis ausgeglichen. In den USA sind 74 % der Schilddrüsenkarzinome bei Frauen diagnostiziert worden.

Häufigkeitsgipfel: Vorwiegend im 5. Lebensjahrzehnt, beim medullären Schilddrüsenkarzinom früher. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei Frauen bei ca. 55 Jahren und bei Männern bei ca. 56 Jahren.

Prävalenz (Krankheitshäufigkeit): Höher bei Frauen als bei Männern.

Inzidenz (Häufigkeit von Neuerkrankungen)

  • Frauen: 4,1-7,5-9 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner pro Jahr (Deutschland)
  • Männer: 1,5-3,2-4 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner pro Jahr (Deutschland)
  • Österreich: ca. 9 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner pro Jahr
  • USA: 14,3 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner pro Jahr
  • Anaplastisches Schilddrüsenkarzinom: ca. 1-2 Fälle pro 1.000.000 Einwohner pro Jahr
  • Maligne Schilddrüsentumoren bei Frauen: bis zu 14-fach erhöht von der Pubertät bis zur Menopause im Vergleich zu Männern

Verlauf und Prognose

Verlauf

  • Frühe Stadien: Die Behandlung des Schilddrüsenkarzinoms ist überwiegend primär chirurgisch (operativ). In frühen Stadien ist die Prognose meist gut, und die Heilungschancen sind hoch.
  • Fortgeschrittene Stadien: In fortgeschrittenen Stadien können Symptome wie eine sichtbare oder tastbare Schilddrüsenvergrößerung, Heiserkeit, Dysphagie (Schluckbeschwerden), Dyspnoe (Atemnot) und Schmerzen im Halsbereich auftreten. Metastasen (Tochtergeschwülste) können in Lymphknoten oder weiter entfernten Organen, wie Lunge und Knochen, auftreten und entsprechende Symptome verursachen.

Prognose

  • Differenziertes Schilddrüsenkarzinom: Heilungschance sehr gut.
  • Papilläres Schilddrüsenkarzinom: 5-Jahres-Überlebensrate bei 80-90 %
  • Follikuläres Schilddrüsenkarzinom: 5-Jahres-Überlebensrate bei ca. 80 %
  • Medulläres Schilddrüsenkarzinom: 5-Jahres-Überlebensrate bei 60-70 %
  • Anaplastisches Schilddrüsenkarzinom: Betroffene sterben häufig innerhalb von sechs Monaten nach Diagnose
  • Radiojodrefraktäres DTC: Bis zu 15 % der differenzierten Schilddrüsenkarzinome ("differentiated thyroid cancer", DTC) werden im Krankheitsverlauf radiojodrefraktär oder resistent. Patienten mit metastasiertem radiojodrefraktärem DTC (RR-DTC) überleben median circa 3-6 Jahre; die Zehnjahresüberlebensrate beträgt ca. 10 % [1].
  • Rezidive: Häufig rezidivierend (wiederkehrend), daher ist eine konsequente Nachsorge wichtig.

Literatur

  1. Durante C et al.: Long-term outcome of 444 patients with distant metastases from papillary and follicular thyroid carcinoma: benefits and limits of radioiodine therapy. J Clin Endocrinol Metab 2006;91(8):2892-2899 https://doi.org/10.1210/jc.2005-2838

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Radioiodtherapie bei benignen Schilddrüsenerkrankungen. (AWMF-Registernummer: 031 - 003), Oktober 2015 Langfassung