Tinnitus – Strahlentherapie

Stereotaktische Strahlentherapie bei Tinnitus durch Akustikusneurinom

Ein Akustikusneurinom (Vestibularisschwannom, gutartiger Tumor des Hör- und Gleichgewichtsnervs) ist ein meist gutartiger Tumor des Nervus vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv, Hör- und Gleichgewichtsnerv), der zu Hörverlust, Schwindel und Tinnitus (Ohrgeräuschen) führen kann. Die stereotaktische Strahlentherapie (hochpräzise Strahlenbehandlung), insbesondere mittels Gamma-Knife-Therapie (einmalige, gezielte Bestrahlung des Tumors), ist eine etablierte, nicht-invasive Behandlungsoption zur Tumorkontrolle und kann in manchen Fällen zu einer Verbesserung oder Stabilisierung der Symptome führen.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Die stereotaktische Strahlentherapie kommt insbesondere in folgenden Fällen infrage:

  • Kleine bis mittelgroße Akustikusneurinome (max. Durchmesser < 3 cm)
  • Patienten mit erhöhtem OP-Risiko (z. B. hohes Alter, Begleiterkrankungen)
  • Patienten, die eine nicht-invasive Therapie bevorzugen
  • Langsames Tumorwachstum ohne unmittelbare Operationsindikation
  • Verbleibendes Resttumorgewebe nach mikrochirurgischer Resektion (teilweiser Entfernung durch eine Operation)
  • Tinnitus (Ohrgeräusche) als Leitsymptom bei nachgewiesener Tumorprogression (fortschreitendem Wachstum des Tumors)

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Die stereotaktische Strahlentherapie ist kontraindiziert bei:

  • Großen Akustikusneurinomen (> 3 cm Durchmesser) mit Kompression (Druckausübung) auf den Hirnstamm
  • Hirnstammsyndromen (neurologische Störungen durch Druck auf den Hirnstamm) oder ausgeprägtem Hydrozephalus (Wasserkopf, vermehrte Flüssigkeitsansammlung im Gehirn)
  • Patienten mit früherer hochdosierter Schädelbestrahlung
  • Patienten, die eine unmittelbare Tumorresektion (operative Tumorentfernung) benötigen (z. B. rasches Wachstum)

Verfahrensbeschreibung

Die stereotaktische Strahlentherapie (hochpräzise Strahlenbehandlung) ist eine gezielte Bestrahlungstechnik, die das Tumorgewebe zerstört und das Wachstum stoppt, ohne umliegende Strukturen zu stark zu schädigen.

Verfahren:

  • Gamma-Knife – Eine einmalige Hochpräzisionsbestrahlung mit mehreren Kobalt-60-Strahlenquellen (radioaktive Strahlenquelle)
  • Linearbeschleuniger (LINAC, spezielle Bestrahlungstechnik) – Fraktionierte Bestrahlung (Aufteilung der Gesamtdosis auf mehrere Sitzungen)
  • Protonentherapie – Alternativverfahren mit gezielter Energieabgabe im Tumor

Die stereotaktische Technik minimiert die Strahlenbelastung für gesundes Gewebe und reduziert Nebenwirkungen.

Therapiedurchführung

  • Planung: Hochauflösende Magnetresonanztomographie (MRT, bildgebendes Verfahren mit Magnetfeldern) zur exakten Lokalisierung des Tumors
  • Fixierung: Anbringung eines stereotaktischen Rahmens (halbrunde Metallkonstruktion am Kopf) oder eines Maskensystems (Kunststoffmaske zur Fixierung) zur Stabilisierung
  • Bestrahlung:
    • Gamma-Knife: Einmalige Bestrahlung (Einzeldosis von 12-13 Gy)
    • LINAC-basierte Strahlentherapie: Mehrere Sitzungen mit niedrigeren Strahlendosen (z. B. 5 x 5 Gy)
    • Dauer: Pro Sitzung ca. 30-90 Minuten
  • Nachsorge: Regelmäßige MRT-Kontrollen zur Beurteilung des Therapieerfolgs

Erfolgsaussichten und Ansprechraten

  • Tumorkontrolle (Wachstumsstopp des Tumors): 85-95 % über mehrere Jahre
  • Hörfunktionserhalt (Vermeidung von weiterem Hörverlust): Je nach Ausgangsbefund in ca. 50 % der Fälle
  • Tinnitus (Ohrgeräusche):
    • Besserung in ca. 30 % der Fälle
    • Unverändert in 50 % der Fälle
    • Verschlechterung oder neue Symptome in ca. 10-15 % der Fälle

Die Erfolgsaussichten sind individuell verschieden und abhängig von Tumorgröße, Bestrahlungsdosis und initialer Symptomatik.

Vergleich mit alternativen Verfahren

Methode Technik Vorteile Nachteile
Stereotaktische Strahlentherapie (Gamma-Knife, LINAC, Protonentherapie) Hochpräzise Strahlenapplikation (gezielte Bestrahlung des Tumors) Nicht-invasiv, hohe Tumorkontrollrate, ambulante Behandlung Risiko für Strahlenneuritis (Reizung des Nerven durch Strahlung), mögliche Hörverschlechterung
Mikrochirurgische Resektion (operative Tumorentfernung) Entfernung durch einen operativen Eingriff Sofortige Tumorentfernung, möglicher Rückgang des Tinnitus Risiko für Fazialisparese (Gesichtslähmung), Hörverlust, OP-Risiken
Konservative Therapie (kontrolliertes Abwarten mit regelmäßiger MRT-Kontrolle) Keine aktive Behandlung, sondern engmaschige Kontrolle Keine Nebenwirkungen durch Therapie Tumorwachstum möglich, zunehmender Hörverlust oder Tinnitus

Fazit

Die stereotaktische Strahlentherapie, insbesondere die Gamma-Knife-Therapie (einmalige Strahlenbehandlung des Tumors), stellt eine effektive Behandlungsoption für kleine bis mittelgroße Akustikusneurinome (gutartige Tumoren des Hör- und Gleichgewichtsnervs) dar. Sie bietet eine hohe Tumorkontrollrate (Wachstumsstopp des Tumors) bei gleichzeitig minimal-invasiver Anwendung (keine Operation nötig). Tinnitus (Ohrgeräusche) kann sich in etwa 30 % der Fälle verbessern, bleibt jedoch oft bestehen. Eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung und interdisziplinäre Beratung sind essenziell für die Therapieentscheidung.