3-D live MRT-gesteuerte Prostatabiopsie
Die 3-D live MRT-gesteuerte Prostatabiopsie stellt ein hochpräzises, bildgesteuertes Verfahren zur ultraspezifischen Gewebeentnahme aus der Prostata dar, das unter Echtzeit-MRT-Kontrolle durchgeführt wird und insbesondere bei suspekten Läsionen (verdächtige Veränderungen) eine optimale diagnostische Ausbeute ermöglicht.
Die Methode kombiniert die Vorteile der multiparametrischen Magnetresonanztomographie (mpMRT, hochauflösende Mehrschichtbildgebung) mit einer Echtzeitsteuerung des Biopsieinstruments direkt im MRT-Gerät und erreicht so eine maximale Entdeckungsrate von klinisch bedeutsamen Prostatakarzinomen (bösartigen Tumoren der Vorsteherdrüse).
Die gezielte MRT-gesteuerte Live-Biopsie der Prostata wurde 2008 von Dr. Agron Lumiani entwickelt, einem der ersten Radiologen in Deutschland mit langjähriger Expertise in CT- und MRT-gesteuerten Verfahren. Die Biopsie erfolgt über einen transglutealen Zugangsweg durch die Gesäßmuskulatur, wodurch der Eingriff minimalinvasiv, darmfrei und in der Regel schmerzarm durchgeführt werden kann. Dieses Verfahren bildet heute den Standard für höchste diagnostische Präzision in der Prostatabiopsie.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Verdächtiger Befund in der mpMRT (PI-RADS ≥ 3, ein Risikobewertungssystem zur Beurteilung von Prostatabefunden)
- Erhöhter oder stark ansteigender PSA-Wert (prostataspezifisches Antigen im Blut) trotz unauffälliger Vorbiopsie
- Klinischer Verdacht auf Prostatakrebs bei vorher negativer Stanzbiopsie (Gewebeprobe)
- Teilnahme an einem „Active Surveillance“-Protokoll („aktive Überwachung“ bei niedrig aggressivem Krebs)
- Erneute Biopsie bei Verdacht auf Rückfall nach Strahlentherapie
- Mehrfache unklare Vorbiopsien ohne sichere Diagnose
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
- Akute Prostataentzündung oder Harnwegsinfektion
- Schwere Blutgerinnungsstörungen ohne kontrollierbare Medikation
- Allergie gegen Kontrastmittel oder Lokalanästhetika (örtliche Betäubungsmittel)
- Platzangst (Klaustrophobie) oder Unverträglichkeit des MRTs
- Metallimplantate oder Herzschrittmacher, die nicht MRT-tauglich sind
- Sehr kleine Prostata (Erschwernis der Zielerfassung)
Vor der MRT-gestützten Prostatabiopsie
Eine strukturierte Vorbereitung ist essenziell, um eine sichere und qualitativ hochwertige Gewebeentnahme unter Echtzeit-MRT-Steuerung zu gewährleisten. Dieser Abschnitt beschreibt alle relevanten Maßnahmen und Abläufe am Tag vor und am Tag der Untersuchung – inklusive Ernährungsempfehlungen, medikamentöser Vorbereitung, Hygiene und organisatorischer Hinweise.
1. Terminplanung und Unterlagen
- Aktuelle PSA-Werte, Vorbefunde und die mpMRT-Daten (multiparametrische Magnetresonanztomographie) sollten der radiologischen Einrichtung idealerweise bereits vorliegen.
- Bei vorbestehenden Erkrankungen oder Dauermedikation (z. B. Antikoagulation/Blutverdünnung) ist eine vorherige Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erforderlich.
- Patienten mit Implantaten, Kontrastmittelallergien oder Angststörungen sollten dies im Vorgespräch angeben.
2. Ernährung am Vortag und Untersuchungstag
- Leichte Kost am Vortag: Empfehlenswert sind gut verdauliche Speisen wie Suppen, Reis, Kartoffeln oder gedünstetes Gemüse. Blähende Speisen (z. B. Hülsenfrüchte, Kohl), ballaststoffreiche Mahlzeiten sowie fette oder schwer verdauliche Nahrungsmittel sollten vermieden werden.
- Trinkmenge: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (1,5-2 Liter Wasser oder Tee) wird empfohlen.
- Nüchternheit: Am Tag der Biopsie sollte der Patient mindestens 4-6 Stunden nüchtern sein, insbesondere bei geplanter Sedierung oder Allgemeinanästhesie. Eine kleine Menge Wasser ist erlaubt.
3. Darmvorbereitung
Eine vollständige Darmreinigung ist bei der transglutealen MRT-Biopsie (von hinten durch die Gesäßmuskulatur) nicht erforderlich, jedoch empfiehlt sich zur besseren Bildgebung und zur Vermeidung von Artefakten eine sanfte Entleerung des Enddarms:
-
Microklistier (z. B. Klistier mit Natriumcitrat/Sorbitol): Anwendung am Morgen der Untersuchung (ca. 2 Stunden vor dem Termin). Die rektale Entleerung reduziert mögliche Störungen der Bildqualität durch Darminhalte und erleichtert die Navigation im Beckenraum.
4. Gerinnungsmanagement
- Antikoagulation (Hemmung der Blutgerinnung) und Thrombozytenaggregationshemmung (z. B. Acetylsalicylsäure, Clopidogrel, DOAK): Die Einnahme muss vorab individuell mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.
- Laborwerte:
- INR (International Normalized Ratio): Zielwert in der Regel ≤ 1,5
- PTT (partielle Thromboplastinzeit): im Normbereich
- Thrombozytenzahl: ≥ 100.000/μl
- Bei abweichenden Werten sollte eine Abklärung bzw. ggf. Anpassung der Medikation erfolgen.
5. Hygienische Vorbereitung
- Intim- und Analbereich sollten gründlich gereinigt sein.
- Rasur ist in der Regel nicht erforderlich.
- Hautdesinfektion erfolgt standardisiert im Rahmen der Untersuchung.
6. Anreise und Begleitperson
- Die Anreise sollte pünktlich und stressfrei erfolgen.
- Teilnahme am Straßenverkehr ist am Untersuchungstag nicht gestattet – insbesondere bei Sedierung. Eine Begleitperson wird empfohlen.
- Patienten erhalten nach dem Eingriff eine Ruhezeit von etwa 30-60 Minuten zur Überwachung.
7. Aufklärung und Einwilligung
- Die schriftliche und mündliche Einwilligungserklärung muss vor dem Eingriff vorliegen.
- Dabei werden insbesondere potenzielle Risiken, der Ablauf sowie Alternativen zur Biopsie erläutert.
Das Verfahren (Anwendung und Durchführung)
Die 3-D live MRT-gesteuerte Prostatabiopsie ist ein hochpräzises, minimalinvasives Verfahren zur gezielten Gewebeentnahme aus tumorsuspekten Arealen der Prostata. Der Eingriff erfolgt unter Echtzeitbildgebung innerhalb des Magnetresonanztomographen (MRT) über einen transgluteal-transforaminalen Zugangsweg – das heißt durch den Gesäßmuskel hindurch bis in die lateralen Randzonen der Prostata, ohne Durchtritt durch den Darm.
1. Computertomographie des Beckens (Zugangsplanung)
Vor dem eigentlichen Eingriff wird zur exakten Planung des Punktionsweges eine Low-Dose-Computertomographie (CT) des Beckens durchgeführt. Diese erfolgt in Rückenlage und dient der:
- präzisen anatomischen Darstellung knöcherner Landmarken (z. B. Os sacrum/Kreuzbein, Beckenschaufel) im Verhältnis zu den Weichteilstrukturen,
- Planung des optimalen Zugangsweges zur Prostata, insbesondere zur Vermeidung von Widerständen durch Verkalkungen oder ossäre Barrieren,
- Darstellung möglicher Phlebolithen (verkalkte Thromben/Blutgerinnsel) im periprostatischen Fettgewebe, die die Biopsienadel umlenken oder blockieren könnten,
- Erkennung vaskulärer Verkalkungen in den zuführenden Gefäßen zur Risikominimierung bei der Nadelführung.
Diese CT-Untersuchung ergänzt die MRT-Diagnostik, da die MRT keine ausreichende Differenzierung zwischen Knochen und Weichteilen bietet. Die CT ist daher integraler Bestandteil der Zugangsplanung und für die sichere transgluteale Punktion unerlässlich.
2. Vorbereitung und Positionierung im MRT
- Nach der CT-basierten Planung erfolgt die Durchführung der Biopsie im MRT (meist 1,5 oder 3 Tesla).
- Der Patient wird in Bauchlage positioniert, mit einer speziellen Oberflächenspule zur Bildgebung.
- Eine sterile Hautvorbereitung, Desinfektion und Markierung der Punktionslinie erfolgen in präziser Abstimmung mit den CT-Daten.
- Anschließend wird eine Lokalanästhesie durchgeführt – sowohl oberflächlich als auch tief entlang der geplanten Punktionsbahn.
3. Punktion und Echtzeit-MRT-gesteuerte Biopsie
- Über den transgluteal-transforaminalen Zugang werden zwei Biopsiekanülen in die seitlichen Randzonen der Prostata vorgeschoben – gesteuert durch Echtzeit-MRT-Bildgebung.
- Vor jeder Probenentnahme erfolgt eine präzise Lagekontrolle der Punktionskanülen, insbesondere vor den tumorsuspekten Arealen (z. B. PI-RADS 4 oder 5), um eine millimetergenaue Positionierung sicherzustellen.
- Danach erfolgt die gezielte Gewebeentnahme mittels Biopsiestanze, unterstützt durch visuelle Echtzeitnavigation.
- Zusätzlich werden systematische Proben aus standardisierten Sektoren der Prostata entnommen – gemäß der aktuellen S3-Leitlinie.
- Eine abschließende MRT-Kontrolle in mehreren Ebenen dient der Dokumentation des Punktionsverlaufs und der frühzeitigen Erkennung von Komplikationen (z. B. Hämatome/Bluterguss).
4. Nachbeobachtung und Entlassung
- Die Biopsienadeln werden nach Abschluss der Probenentnahmen unter Sicht zurückgezogen.
- Der Patient verbleibt für etwa 2 Stunden in liegender Überwachung, bevor er ambulant entlassen wird.
- In seltenen Fällen, z. B. bei postinterventionellen Beschwerden, kann eine ergänzende CT zur Komplikationsdiagnostik (z. B. zur Beurteilung von Blutungen) erforderlich sein.
Die gesamte Dauer des Eingriffs liegt bei etwa 30-45 Minuten, inklusive Vorbereitung, Lagerung und Bildsteuerung.
Vorteile der Methode
- Höchste Erkennungsrate bei bedeutendem Prostatakrebs durch exakte Zielsteuerung
- Keine Keimverschleppung aus dem Darm – deutlich geringeres Infektionsrisiko
- Keine vorbeugende Antibiotikagabe notwendig
- Schonung des Darms und der umgebenden Organe
- Präzise Biopsie auch bei schwer erreichbaren Tumorstellen
Anästhesieverfahren
- Lokalanästhesie (örtliche Betäubung): Infiltration an der Einstichstelle, meist ausreichend
- Sedierung (Beruhigungsmittel): z. B. Midazolam zur Entspannung, ggf. in Kombination
- Allgemeinanästhesie (Vollnarkose): Nur bei besonderen Situationen notwendig
Mögliche Komplikationen
Die 3-D live MRT-gesteuerte Prostatabiopsie weist im Vergleich zu anderen Biopsieverfahren ein tendenziell günstigeres Sicherheitsprofil auf. Eine umfassende Aufklärung über potenzielle Risiken und Komplikationen bleibt dennoch essenzieller Bestandteil der präinterventionellen Patienteninformation.
- Einblutungen in das Prostatagewebe (meist harmlos und selbstheilend)
- Blut im Urin oder in der Samenflüssigkeit – vorübergehend, in der Regel ohne Behandlung
- Infektionen wie Prostata- oder Nebenhodenentzündungen – sehr selten
- Verletzung der Harnröhre – tritt nur selten auf und heilt meist spontan
- Harnverhalt (Unfähigkeit zu urinieren) – sehr selten, eventuell Katheter notwendig
- Allergische Reaktionen auf Betäubungsmittel – extrem selten, aber medizinisch relevant
Nachsorge und Verhaltensempfehlungen
- Körperliche Schonung für 1-2 Tage
- Viel trinken (mindestens 2 Liter Wasser am Tag) für mindestens 2 bis 3 Tage nach dem Eingriff. Bei auffälligen Blutbeimengungen im Urin oder Ejakulat kann die Empfehlung ggf. individuell verlängert werden.
- Kein Sport, Schwimmen oder Geschlechtsverkehr in den ersten 3-5 Tagen
- Keine Teilnahme am Straßenverkehr am Tag des Eingriffs
- Auf Symptome wie Fieber, Schmerzen oder starke Blutungen achten.
Methodenvergleich
Verfahren | Technik | Vorteile | Nachteile |
---|---|---|---|
TRUS-Bx | Ultraschall über den Enddarm | Schnell, einfach, ambulant | Infektionsrisiko, begrenzte Genauigkeit |
TP-Bx | Hautpunktion über den Damm | Höhere Genauigkeit bei schwierigen Tumorlagen | Narkose häufig notwendig |
MRT-Fusionsbiopsie | Kombination von MRT und Ultraschall | Bessere Zielgenauigkeit als TRUS | Keine Echtzeitkontrolle, teure Technik |
3-D live MRT-Bx | Echtzeit-MRT im MRT-Gerät | Exaktheit, Sicherheit, keine Infektionsgefahr | Zeitaufwändig, teure Infrastruktur |
Legende
- TRUS – Transrektaler Ultraschall (Ultraschalluntersuchung der Prostata über den Enddarm)
- TRUS-Bx – Transrektale ultraschallgestützte Prostatabiopsie (Gewebeentnahme aus der Prostata mittels transrektalem Ultraschall)
- TP-Bx – Transperineale Prostatabiopsie (Gewebeentnahme über eine Hautpunktion im Dammbereich, meist ultraschallgestützt)
- 3-D live MRT-Bx – Echtzeit-gesteuerte 3-D-MRT-Prostatabiopsie (präzise Biopsie unter direkter Echtzeitkontrolle durch die Magnetresonanztomographie, meist transgluteal-transforaminal geführt)
Fazit
Die 3-D live MRT-gesteuerte Prostatabiopsie ist derzeit das präziseste und sicherste Verfahren zur Diagnostik von Prostatakrebs. Dank der Echtzeitnavigation, des infektionsfreien transglutealen Zugangs und der Kombination aus gezielter und systematischer Gewebeentnahme wird eine maximale Erkennungsrate erreicht – bei gleichzeitig minimalem Risiko und maximalem Komfort für den Patienten.
Literatur
- Zangos S, Eichler K, Thalhammer A et al.: MR-Guided Interventions of the Prostate Gland: a Literature Review" Rofo. 2010 Nov;182(11):947-53. doi: 10.1055/s-0029-1245627. Epub 2010 Aug 19.
- Steurer S et al.: High concordance of findings obtained from transgluteal magnetic resonance imaging - and transrectal ultrasonography-guided biopsy as compared with prostatectomy specimens BJUI First published: 13 March 2017 https://doi.org/10.1111/bju.13840
- Mannaerts CK et al.: Detection of clinically significant prostate cancer: direct comparison of systematic biopsy, multiparametric MRI and CUDI BJU Int. 2020 Oct;126(4):481-493. doi: 10.1111/bju.15093.
- Hugosson J et al.: Results after Four Years of Screening for Prostate Cancer with PSA and MRI N Engl J Med. 2024 Sep 26;391(12):1083-1095.
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Prostatakarzinom. (AWMF-Registernummer: 043 - 022OL), Mai 2024 Kurzfassung Langfassung