Keuchhusten (Pertussis) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Elimination von Bordetella pertussis (Keuchhustenbakterium) aus dem Nasopharynx (Nasen-Rachen-Raum) und Unterbrechung der Infektkette
- Linderung beziehungsweise Verkürzung der Symptomatik (Beschwerden) bei frühzeitigem Therapiebeginn
- Vermeidung von Komplikationen, insbesondere bei Säuglingen und anderen vulnerablen Personen
Therapieempfehlungen
- Frühzeitige Antibiotikatherapie: Eine Beeinflussung von Krankheitsdauer und Schweregrad ist vor allem bei Therapiebeginn im Stadium catarrhale (frühe Erkältungsphase) beziehungsweise vor oder innerhalb der ersten 1 bis 2 Wochen nach Hustenbeginn zu erwarten. Nach Etablierung der paroxysmalen Hustenanfälle (anfallsartigen Hustenanfälle) hat die Antibiotikatherapie in der Regel nur noch geringen Einfluss auf den Husten [1, LL1].
- Unterbrechung der Infektkette: Auch bei späterem Therapiebeginn ist eine antibiotische Behandlung sinnvoll, solange mit einer Erregerausscheidung (Ausscheidung der Krankheitserreger) zu rechnen ist. Diese kann bis zu 3 Wochen nach Beginn des Stadium convulsivum (Phase mit krampfartigen Hustenanfällen) anhalten; bei Säuglingen kann eine Erregerausscheidung bis zu 6 Wochen bestehen [1].
- Mittel der ersten Wahl: Azithromycin oder Clarithromycin. Erythromycin ist ebenfalls wirksam, wird jedoch wegen ungünstigerer Verträglichkeit, längerer Therapiedauer und eines höheren Interaktionspotenzials weniger bevorzugt. Cotrimoxazol ist eine Alternative bei Kontraindikation (Gegenanzeige) oder Unverträglichkeit von Makroliden [1].
- Nicht geeignet: Orale Penicilline und Cephalosporine sind zur Eradikation (Beseitigung) von Bordetella pertussis aus dem Nasopharynx nicht geeignet [1].
- Infektiosität (Ansteckungsfähigkeit): Nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie besteht in der Regel nach 5 Tagen keine relevante Infektiosität mehr; bei Azithromycin kann bereits nach 3 Tagen von einer ausreichenden Eradikation zur Aufhebung infektionshygienischer Maßnahmen ausgegangen werden. Ohne Antibiotikatherapie gilt der Erkrankte grundsätzlich bis 21 Tage nach Hustenbeginn als infektiös [1].
- Symptomatische Therapie: Auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist zu achten; bei ausgeprägten Hustenanfällen sind häufigere kleine Mahlzeiten sinnvoll. Bei quälendem, insbesondere nächtlichem Reizhusten kann bei geeigneten Patienten kurzfristig ein Antitussivum erwogen werden; die Evidenz für eine relevante Wirkung bei Pertussis (Keuchhusten) ist begrenzt [1, LL1].
- Säuglinge: Aufgrund des Risikos von Apnoen (Atemaussetzern) und anderen schweren Komplikationen sollte insbesondere bei jungen Säuglingen die Indikation zur stationären Aufnahme und Überwachung großzügig gestellt werden [1].
- Beachte: Die Pertussis-spezifischen Dosierungen und Therapiedauern folgen dem RKI-Ratgeber und können von den allgemeinen Dosierungs- und Dauerangaben einzelner Fachinformationen abweichen. Der Zulassungsstatus ist präparatespezifisch zu beachten [1, FI1-FI7].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Azithromycin | Mittel der ersten Wahl bei Pertussis [1]. Pertussis ist in den geprüften deutschen Azithromycin-Fachinformationen nicht als Anwendungsgebiet aufgeführt; die Anwendung erfolgt daher präparatespezifisch als Off-Label-Use [FI1, FI2]. Bei Säuglingen unter 6 Monaten ist die Anwendung zusätzlich nicht durch die Alterszulassung der geprüften pädiatrischen Fachinformation gedeckt [FI1]. QT-Zeit-Verlängerung (Verlängerung der elektrischen Erholungszeit des Herzens) und hepatische Risiken (Risiken für die Leber) beachten; bei stark eingeschränkter Nierenfunktion Fachinformation beachten [FI1, FI2]. |
| Clarithromycin | Mittel der ersten Wahl bei Pertussis [1]. Pertussis ist in den geprüften deutschen Clarithromycin-Fachinformationen nicht ausdrücklich als Anwendungsgebiet aufgeführt; die Anwendung erfolgt daher präparatespezifisch als Off-Label-Use [FI3, FI4]. Klacid Saft ist nach Abschnitt 4.1 für Kinder von 6 Monaten bis 12 Jahren indiziert, obwohl Abschnitt 4.2 Dosierungsangaben ab dem 1. Lebenstag enthält; bei Kindern unter 6 Monaten ist deshalb der Zulassungsstatus besonders zu beachten [FI3]. Bei Kreatinin-Clearance < 30 ml/min Dosisreduktion gemäß Fachinformation; ausgeprägtes CYP3A4-Interaktionspotenzial (Risiko von Wechselwirkungen über ein wichtiges Leberenzym) und Risiko einer QT-Zeit-Verlängerung beachten [FI3, FI4]. |
| Erythromycin (als Estolat) | Erythromycin-Estolat ist eine wirksame Alternative; Azithromycin und Clarithromycin werden wegen besserer Verträglichkeit und einfacherer Anwendung bevorzugt [1]. Für INFECTOMYCIN ist Keuchhusten einschließlich Keuchhustenprophylaxe (Vorbeugung gegen Keuchhusten) ausdrücklich als Anwendungsgebiet zugelassen [FI5]. Bei jungen Säuglingen besteht insbesondere unter Erythromycin ein erhöhtes Risiko einer hypertrophen Pylorusstenose (Verdickung und Verengung des Magenausgangs); strenge Nutzen-Risiko-Abwägung [1, FI5]. QT-Zeit-Verlängerung, hepatotoxische Effekte (leberschädigende Wirkungen) und relevante Arzneimittelinteraktionen beachten [FI5]. |
| Cotrimoxazol Trimethoprim + Sulfamethoxazol |
Alternative bei Kontraindikation, Unverträglichkeit oder fehlender Eignung von Makroliden [1]. Pertussis ist in den geprüften deutschen Cotrimoxazol-Fachinformationen nicht als Anwendungsgebiet aufgeführt; Anwendung als Off-Label-Use [FI6, FI7]. Die Pertussis-spezifische Therapiedauer von 14 Tagen folgt dem RKI und ist länger als die allgemeine Fachinformationsdauer für die meisten bakteriellen Infektionen [1, FI6, FI7]. Bei Kreatinin-Clearance 15 bis 30 ml/min Hälfte der Standarddosis; bei Kreatinin-Clearance < 15 ml/min kontraindiziert [FI6, FI7]. Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel im Blut), Blutbildveränderungen, schwere kutane Arzneimittelreaktionen (schwere Hautreaktionen auf Arzneimittel) und renale Nebenwirkungen (Nebenwirkungen an den Nieren) beachten [FI6, FI7]. |
- Wirkweise: Makrolide hemmen durch Bindung an die bakterielle 50S-Ribosomenuntereinheit (Teil der Eiweißproduktionsmaschinerie von Bakterien) die Proteinsynthese und wirken überwiegend bakteriostatisch (hemmen die Vermehrung von Bakterien). Cotrimoxazol hemmt sequenziell die bakterielle Folsäuresynthese (Bildung von Folsäure durch Bakterien).
- Indikationen: Therapie einer gesicherten beziehungsweise klinisch und epidemiologisch hochgradig wahrscheinlichen Pertussis; Makrolide zusätzlich zur indizierten Chemoprophylaxe (vorbeugende Antibiotikabehandlung) enger Kontaktpersonen [1].
- Kontraindikationen: Wirkstoff- und präparatespezifische Kontraindikationen der jeweiligen Fachinformation beachten. Insbesondere QT-Zeit-verlängernde Kombinationen und relevante Makrolidinteraktionen sowie die Nierenfunktion unter Cotrimoxazol berücksichtigen [FI1-FI7].
- Nebenwirkungen: Makrolide: insbesondere gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), hepatobiliäre Nebenwirkungen (Nebenwirkungen an Leber und Gallenwegen), QT-Zeit-Verlängerung und relevante Arzneimittelinteraktionen. Cotrimoxazol: insbesondere gastrointestinale Beschwerden, allergische und schwere kutane Reaktionen (schwere Hautreaktionen), Blutbildveränderungen, Hyperkaliämie und renale Nebenwirkungen [FI1-FI7].
Cave! Bei Patienten mit kardialen Vorerkrankungen (Herzerkrankungen), insbesondere koronarer Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße), empfiehlt die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA bei der Verordnung von Clarithromycin eine besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung und gegebenenfalls die Wahl eines alternativen Antibiotikums [3, 4]. In einer 10-Jahres-Nachbeobachtung der CLARICOR-Studie waren unter einer zweiwöchigen Clarithromycintherapie die Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit) (Hazard Ratio 1,10; 95-%-Konfidenzintervall 1,00-1,21) und die Rate zerebrovaskulärer Erkrankungen (Erkrankungen der Hirngefäße) (Hazard Ratio 1,19; 95-%-Konfidenzintervall 1,02-1,38) erhöht [3].
Postexpositionsprophylaxe (PEP) (vorbeugende Behandlung nach Kontakt)
Indikationen
- Enge Kontaktpersonen von an Bordetella pertussis Erkrankten, die nicht entsprechend den STIKO-Empfehlungen geimpft sind, d. h. ungeimpft oder nicht vollständig geimpft sind, sowie Personen, deren letzte Pertussisimpfung mindestens etwa 10 Jahre zurückliegt, sollen eine Chemoprophylaxe mit einem Makrolid erhalten [1].
- Auch vollständig geimpfte enge Kontaktpersonen sollten eine Chemoprophylaxe erhalten, wenn sich in ihrer Umgebung besonders gefährdete Personen befinden, insbesondere ungeimpfte oder nicht vollständig geimpfte Säuglinge, Kinder mit kardialen oder pulmonalen Grunderkrankungen (Grunderkrankungen des Herzens oder der Lunge) oder Schwangere im letzten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel), oder wenn sie selbst einer gefährdeten Personengruppe angehören [1, 2].
Zeitfenster
- Die Chemoprophylaxe sollte so früh wie möglich nach dem Kontakt zur erkrankten Person begonnen werden. Ein Beginn ist bis zu 21 Tage nach dem ersten Kontakt, entsprechend der Dauer der möglichen Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Krankheitsbeginn), noch sinnvoll [1].
Durchführung
- Chemoprophylaxe mit einem Makrolid; Dosierung und Therapiedauer entsprechen den Pertussis-spezifischen Therapieregimen [1, 2].
- Der Pertussis-Impfstatus ist zu überprüfen und entsprechend den aktuellen STIKO-Empfehlungen zu vervollständigen. Eine Impfung ersetzt eine indizierte Chemoprophylaxe nicht [1, 2].
- Eine PCR bei asymptomatischen Kontaktpersonen (Kontaktpersonen ohne Beschwerden) allein zur Entscheidung über die Durchführung einer Chemoprophylaxe wird nicht empfohlen [1].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF = Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- CLARICOR = Clarithromycin for patients with stable coronary heart disease
- CYP3A4 = Cytochrom P450 3A4
- DHA = Docosahexaensäure
- EPA = Eicosapentaensäure
- FDA = U.S. Food and Drug Administration
- FI = Fachinformation
- KG = Körpergewicht
- LL = Leitlinie
- PEP = Postexpositionsprophylaxe
- PCR = Polymerase-Kettenreaktion
- p.o. = per os
- QT = QT-Intervall im Elektrokardiogramm
- RKI = Robert Koch-Institut
- STIKO = Ständige Impfkommission
Literatur
- Robert Koch-Institut: Keuchhusten (Pertussis). RKI-Ratgeber. Stand 05.08.2025. Robert Koch-Institut, Berlin. Onlinepublikation; abgerufen am 24.09.2026.
- Ständige Impfkommission (STIKO): Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiol Bull. 2026;4:1-79. Version 6, 10.09.2026. doi: 10.25646/13636.6.
- Winkel P, Hilden J, Hansen JF et al.: Clarithromycin for stable coronary heart disease increases all-cause and cardiovascular mortality and cerebrovascular morbidity over 10 years in the CLARICOR randomised, blinded clinical trial. Int J Cardiol. 2015;182:459-465. doi: 10.1016/j.ijcard.2015.01.020.
- U.S. Food and Drug Administration: FDA Drug Safety Communication: FDA review finds additional data supports the potential for increased long-term risks with antibiotic clarithromycin (Biaxin) in patients with heart disease. Silver Spring, MD: U.S. Food and Drug Administration; 22.02.2018. Onlinepublikation; abgerufen am 24.09.2026.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Fachärztliche Diagnostik und Therapie von erwachsenen Patienten mit Husten. (AWMF-Registernummer: 020-003), Version 4.1, Januar 2025. Langfassung [LL1]
Fachinformationen
- ratiopharm GmbH: Azithromycin-ratiopharm 200 mg/5 ml Pulver zur Herstellung einer Suspension zum Einnehmen. Fachinformation. Stand November 2025. Ulm: ratiopharm GmbH. Fachinformation; abgerufen am 24.09.2026. [FI1]
- ratiopharm GmbH: Azithromycin-ratiopharm 250 mg Filmtabletten. Fachinformation. Stand Mai 2026. Ulm: ratiopharm GmbH. Fachinformation; abgerufen am 24.09.2026. [FI2]
- Viatris Healthcare GmbH: Klacid Saft 125 mg/5 ml, Granulat zur Herstellung einer Suspension zum Einnehmen. Fachinformation. Stand Juli 2025. Troisdorf: Viatris Healthcare GmbH. Fachinformation; abgerufen am 24.09.2026. [FI3]
- Viatris Healthcare GmbH: Klacid Filmtabletten 250 mg. Fachinformation. Stand Juli 2025. Troisdorf: Viatris Healthcare GmbH. Fachinformation; abgerufen am 24.09.2026. [FI4]
- INFECTOPHARM Arzneimittel und Consilium GmbH: INFECTOMYCIN 200 Saft, 400 Saft und 600 Saft, Pulver zur Herstellung einer Suspension zum Einnehmen. Wirkstoff: Erythromycin als Estolat. Fachinformation. Stand September 2026. Heppenheim: INFECTOPHARM Arzneimittel und Consilium GmbH. [FI5]
- ratiopharm GmbH: Cotrim K/E-ratiopharm 200 mg/5 ml + 40 mg/5 ml / 400 mg/5 ml + 80 mg/5 ml Suspension zum Einnehmen. Fachinformation. Stand Juli 2026. Ulm: ratiopharm GmbH. Fachinformation; abgerufen am 24.09.2026. [FI6]
- AbZ-Pharma GmbH: Cotrim-CT 800 mg/160 mg Tabletten. Fachinformation. Stand Juli 2026. Ulm: AbZ-Pharma GmbH. Fachinformation; abgerufen am 24.09.2026. [FI7]