Akustikusneurinom – Strahlentherapie

Das Akustikusneurinom (Vestibularisschwannom) ist ein gutartiger, meist langsam wachsender Tumor, der vom Schwann-Zell-Typ des Nervus vestibularis (Gleichgewichtsnerv) ausgeht. Die Strahlentherapie stellt neben der operativen Entfernung und dem abwartenden Vorgehen eine etablierte Behandlungsoption dar, insbesondere bei kleinen bis mittelgroßen Tumoren, nicht operablen Patienten und in funktionserhaltenden Therapiekonzepten.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Nicht-operable Patienten aufgrund von Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) oder fortgeschrittenem Alter
  • Patienten mit kleinem oder mittelgroßem Tumor (Koos I–III)
  • Wachstum des Tumors unter Beobachtung („watchful waiting“)
  • Patientenwunsch nach nicht-invasiver Therapie
  • Erhalt der Hörfunktion bei günstigem Funktionsstatus
  • Rezidiv (Wiederauftreten der Erkrankung) nach operativer Resektion

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

  • Sehr große Tumoren mit Hirnstammkompression/Druck auf den Hirnstamm (Koos IV)
  • Vorbestehende radiogene Schäden im Zielgebiet
  • Schwangerschaft (relative Kontraindikation)
  • Vorbestehende Strahlentherapie des Schädels im gleichen Zielvolumen

Zielsetzung und Wirkung

  • Therapeutische Zielsetzung – Ziel der Strahlentherapie ist die Wachstumsstabilisierung oder Schrumpfung des Tumors bei maximalem Funktionserhalt, insbesondere des Hör- und Gleichgewichtsorgans sowie des Fazialisnervs (Gesichtsnerven).
  • Wirkmechanismus – Durch fraktionierte oder hochpräzise Einzeitbestrahlung wird die DNA der Tumorzellen geschädigt, was zu einem proliferativen Arrest (Wachstumsstopp) und Apoptose (programmierter Zelltod) führt. Die Wirkung setzt verzögert ein, wobei die langfristige Tumorkontrolle im Vordergrund steht.

Das Verfahren (Anwendung und Durchführung)

Je nach Tumorgröße, -lage und Patientenkonstitution kommen folgende Verfahren zur Anwendung:

  • Radiochirurgie (Einzeitbestrahlung)
    • Einsatz bei kleinen Tumoren (< 3 cm Durchmesser)
    • Typisch: Linearbeschleuniger- oder Gamma Knife-basiert
    • Dosis: 12-13 Gy als Einzeldosis
  • Fraktionierte stereotaktische Radiotherapie (FSRT)
    • Anwendung bei mittelgroßen Tumoren (≥3 cm oder Koos II–III)
    • Fraktionierte Dosierung: z. B. 54 Gy in 30 Fraktionen à 1,8 Gy
  • Image-guided Radiotherapie (IGRT)
    • Integration moderner Bildgebung zur präzisen Zielvolumenkontrolle

Zielvolumendefinition

  • GTV (gross tumor volume): anatomisch abgrenzbarer Tumor
  • CTV (clinical target volume): zumeist identisch mit GTV, da keine Infiltration
  • PTV (planning target volume): GTV/CTV plus Sicherheitsmarge (1-2 mm)

Planung und Bestrahlungstechnik

  • Immobilisierung mittels thermoplastischer Maske (individuell angepasste Lagerungshilfe)
  • Hochauflösende Bildgebung (MRT/CT-Fusion)
  • Volumenmodulierte Arc-Technik (VMAT) oder konformale 3D-Planung
  • Submillimetergenaue Lagerungskontrolle mit IGRT
  • Risikostrukturen: N. facialis, N. cochlearis, Hirnstamm, Innenohr

Behandlungsdauer und Sitzungsanzahl

  • Radiochirurgie: 1 Sitzung (ambulant)
  • FSRT: 25-33 Sitzungen über 5-6 Wochen

Verlaufskontrollen und Nachsorge

  • Erste Bildgebung (MRT Schädel mit KM) 6 Monate nach Therapie
  • Weitere Verlaufskontrollen jährlich über 5 Jahre
  • Audiometrie und neurologischer Status parallel zur Bildgebung
  • Spätrezidive (spätes Neuauftreten der Erkrankung) und Progredienz (Fortschreiten) sorgfältig dokumentieren

Ergebnisse und Prognose

  • Tumorkontrollrate:
    • 90 % bei kleinen Tumoren (5-10 Jahre Follow-up)
  • Funktionserhalt:
    • Fazialisnerv: > 95 %
    • Hörfunktion (serviceable hearing): 50-70 % bei guter Ausgangssituation
  • Therapieansprechen häufig erst nach mehreren Monaten sichtbar

Nebenwirkungen und Komplikationen

Frühreaktionen

  • Kopfschmerzen, Müdigkeit
  • Übelkeit, gelegentlich Schwindel

Spätreaktionen

  • Hörverschlechterung oder Hörverlust (insbesondere bei präexistierendem Defizit)
  • Neuropathien (selten) des N. facialis oder vestibulären Anteils
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Zystische Transformation des Tumors
  • Extrem selten: maligne Transformation oder Strahlennekrosen

Vergleich mit anderen Therapieverfahren

Methode Technik Vorteile Nachteile
Radiochirurgie (1x) Gamma Knife, Linearbeschleuniger Ambulant, hohe Präzision, hohe Tumorkontrolle Hörverlust möglich, kein histologischer Befund, kein Volumengewinn
FSRT (25–33x) Linearbeschleuniger (IMRT, VMAT) Gute Verträglichkeit, Funktionserhalt Längere Behandlungsdauer, tägliche Sitzungen
Operation Mikrochirurgisch (Retrosigmoidal) Sofortige Tumorentfernung, histologische Sicherung Stationär, Risiko für Nervenschäden, Hörverlust möglich
**Beobachtung („wait & scan“) Verlaufskontrollen mittels MRT Keine akute Therapiebelastung, bei langsamer Progression möglich Risiko des Funktionsverlusts bei späterem Eingreifen

Fazit

Die Strahlentherapie ist ein etabliertes, sicheres und effektives Verfahren zur Behandlung des Akustikusneurinoms bei ausgewählten Patientengruppen. Besonders bei kleinen bis mittelgroßen Tumoren bietet sie eine nicht-invasive Alternative zur Operation bei gleichzeitig hoher Kontrollrate und Erhalt wichtiger neurologischer Funktionen. Die Wahl des geeigneten Strahlenkonzepts sollte stets interdisziplinär und individuell erfolgen.

Literatur

  1. Tsao MN et al.: Stereotactic radiosurgery for vestibular schwannoma: International Stereotactic Radiosurgery Society (ISRS) Practice Guideline J Radiosurg SBRT. 2017;5(1):5-24.
  2. Hasegawa T, Kato T, Yamamoto M. Long-term safety and efficacy of stereotactic radiosurgery for vestibular schwannomas: analysis of 440 cases. J Neurosurg. 2013 Mar;118(3):557-65. doi: 10.3171/2012.10.JNS12523. Epub 2012 Nov 9.
  3. Rowe JG, Radatz MW, Walton L, Kemeny AA. Gamma Knife stereotactic radiosurgery for unilateral acoustic neuromas. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2003;74(11):1536-1542.